Presseschau

Afghanistan

Krieg wozu?

Legitimationen und Interessen in Afghanistan
von Axel Weipert am 6. März 2010

Das Bild der Bundeswehr als »Entwicklungshelfer in Uniform« ist spätestens seit dem verheerenden Bombardement von Kunduz massiv in Frage gestellt. Christian Semler schildert den Wandel in der Legitimationsstrategie des Westens für diesen Krieg. Demnach sei die Berufung auf Demokratie und Menschenrecht dem neuen Ziel, »Stabilität« zu schaffen gewichen.

Nicht die Verteidigung der Menschenrechte in Afghanistan ist lächerlich, sondern der Versuch, mithilfe der Menschenrechtsrhetorik militärische Unternehmungen zu rechtfertigen, die in Wahrheit der Macht- und Interessenpolitik geschuldet sind.

Wedelt der Schwanz mit dem Hund?

Eine BBC-ZDF-Koproduktion zum Mythos Osama Bin Laden
von Caspar Bildner am 23. Februar 2010
Foto von hiperkarma

Eine Koproduktion vom ZDF und der BBC versucht, sich dem Mythos Osama Bin Laden anzunähern. Die kürzlich ausgestrahlte Sendung ist dabei erstaunlich offen für die unterschiedlichen Hypothesen zum Verbleib des Al Qaida-Chefs. So kommen verschiedene ehemalige Agenten und Funktionäre der CIA, ein ehemaliger Chef des pakistanischen Nachrichtendienstes ISI, Wissenschaftler und frühere Bin Laden-Anhänger zu Wort. Die Experten kommen zu unterschiedlichen Einschätzungen zur Echtheit der Audio- und Videobotschaften. Ebenso bleibt fraglich, ob Bin Laden überhaupt noch lebt. Sowohl westliche Staatsführungen als auch die Dschihadbewegung hätten ein Interesse an seinem Fortleben als Mythos und als Feindbild, so verschiedene Stimmen in der Dokumentation. Die Flucht aus Tora Bora hätte verhindert werden können.

Die vom Krieg leben

Eine Untersuchung über private Militärfirmen
von Joséphine Glenz am 22. Februar 2010

Amerikanische Militäreinsätze haben im vergangenen Jahrzehnt eine umfangreiche Umstrukturierung erfahren. Private Militärfirmen stellen im Irak und in Afghanistan ein zweites Heer, ohne das die Einsätze logistisch nicht mehr zu führen sind und die Zahl der Söldner in den Einsatzländern entspricht nach Schätzungen der Zahl der regulären Soldaten. Dadurch können verdeckte Operationen einfacher vor der Öffentlichkeit geheim gehalten werden. Die Vermischung privater und öffentlicher Interessen stellen allerdings laut Marie-Dominique Charlier in der Le Monde diplomatique eine Bedrohung für das Allgemeinwohl dar:

Die Logik dieser Unternehmen hat ein britischer Söldner in Afghanistan einmal so formuliert: »Die britische, die US-amerikanische und die anderen Armeen sind hier, um einen Krieg zu gewinnen. Für uns dagegen läuft es umso besser, je mehr sich die Lage verschlechtert«. Das klingt nicht unbedingt im Sinne der formulierten Absicht, die Verhältnisse zu stabilisieren und ein »friedliches Afghanistan« zu schaffen.

Schmiermittel

Die afghanische Drogenwirtschaft und die Korruption
von Caspar Bildner am 21. Februar 2010
Opiumernte in Bala Baluk, AfghanistanFoto von isafmedia

Wie alle Seiten in den südlichen Provinzen in den Drogenanbau und -handel verstrickt sind, erzählt Thomas Ruttig in der taz. Die Taliban erhalten von afghanischen Drogengeldern nur einen kleinen Teil. Der weitaus größere Anteil lande in den Taschen der Regierung, der Gouverneure und korrupter Beamter, ebenso Gelder für die Drogenbekämpfung. Die Karsai-Regierung arbeite munter mit den korruptesten Provinzgouverneuren zusammen. Deutschlandfunk Hintergrund betrachtet »die Hinwendung der Karsai-Regierung zum religiösen Fundamentalismus« und die Folgen für Gesellschaft und Pressefreiheit.

Search and destroy

Das TV ist live mit dabei. Ist es das?
von Axel Weipert am 17. Februar 2010
Britischer Soldat in HelmandFoto von ISAF

Annette Dittert hat sich kritisch mit den aktuellen britischen Fernsehbildern der Offensive »Muschtarak« in der Provinz Helmand auseinandergesetzt. In Afghanistan gehe es jedoch nicht, wie die Aufnahmen suggerieren, primär um den Sieg an der Front. Sondern vielmehr darum, die Bevölkerung zu überzeugen. Ob das mit Waffen zu bewerkstelligen ist, sei zu bezweifeln.

In der Tat bleibt vorerst offen, ob es sich tatsächlich um die von Obama angekündigte neue Strategie handelt, oder doch jetzt nur mit mehr Soldaten das erreicht werden soll, was Amtsvorgänger Bush versagt blieb.

Dem Gegner die Hand reichen, solange sie noch dran ist

Der Afghanistan-Experte Ahmed Rashid nennt Bedingungen für einen Frieden mit den Taliban
von Tobias Pester am 25. Januar 2010

Einer der wenigen Talibankenner, die ihr Wissen nicht ausschließlich aus dem Literaturstudium beziehen, sondern bereits in den 90er Jahren vor Ort die Talibanbewegung untersuchte, Ahmed Rashid, skizziert auf Spiegel Online, welche Schritte nötig wären, um die Taliban zur Aufgabe zu bewegen. Weiterlesen …

Verdeckte Wege

Gibt es eine verdeckte Befehlsstruktur in der Bundeswehr?
von Caspar Bildner am 24. Januar 2010
Das deutsche Militär gerät in Afghanistan – hier in Badakhshan – immer wieder in Schwierigkeiten.Foto von Isafmedia, Flickr

Stefan Kornelius geht in der Süddeutschen Zeitung der spekulativen Frage nach, ob die wahren Hintergründe des Informationschaos nach der Bombadierung zweier Tanklastzüge nahe des Bundeswehrstützpunktes im afghanischen Kunduz eine zweite parallele und geheime Kommandostruktur der Bundeswehr via der Spezialeinheit KSK sein könnte. Viele Indizien deuteten darauf hin, insbesondere die Tatsache, dass die Befehlskette über den Kommandeur des Einsatzbereiches in Mazar-e Sharif zu dessen Verärgerung übergangen wurde. Ein »zweiter Kanal« direkt in das Verteidigungsministerium würde die Verantwortlichen in schwere Bedrängnis bringen, denn der wäre nicht durch das Mandat des deutschen Parlamentes gedeckt. Weiterlesen …

Austragungsort

Afghanistan als strategischer Kampf zwischen Indien und Pakistan
von Caspar Bildner am 19. Januar 2010

Isabelle Saint-Mézard schreibt in der aktuellen Le Monde diplomatique über die Rückwirkungen des ewigen Konfliktes zwischen Indien und Pakistan auf Afghanistan. Indien betrachtet die Taliban als Schöpfung des pakistanischen Geheimsdienstes ISI, während Pakistan den wachsenden Einfluß Indiens und die Präsenz bis in die Provinz mit Mißtrauen sieht, und als Eingriff in seinen Hinterhof und versuchte Einkreisung bekämpft. Indien wiederum möchte langfristig über Afghanistan seine Rohstoffversorgung aus Zentralasien erschließen. Der Konflikt erscheint nur unter Einbeziehung dieses Problems lösbar, denn für beide Länder spielt Afghanistan eine lebenswichtige strategische Bedeutung.

Experiment mit ungewissem Ausgang

Die Afghanische Nationalarmee
von Axel Weipert am 12. Januar 2010

Der Krieg in Afghanistan verliert zunehmend an Rückhalt in den westlichen Gesellschaften; Ursachen dafür sind die steigenden Verluste und nicht zuletzt die Tatsache, dass Erfolge kaum auszumachen sind. Deshalb mehren sich - auch in Deutschland - die Stimmen derer, die statt eigener Soldaten lieber afghanische Truppen in die Gefechte schicken wollen. Allerdings kann die sog. Afghanische Nationalarmee (ANA) noch immer nicht die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen, wie eine Studie von Michael Paul ergibt. Weiterlesen …

Land ohne Moderne

Der Staatsbesuch des afghanischen Königs 1928 in Deutschland
von Caspar Bildner am 5. Januar 2010

1928 besuchte der afghanische König Amanullah Khan auf seiner Europareise Deutschland.  Sabine Weber berichtet von seinem Versuch, mit Hilfe westlicher Technologien sein Land wirtschaftlich zu entwickeln und die Moderne in Form von Trennung von Staat und Religion und Gleichberechtigung der Geschlechter einzuführen. Dabei nimmt er politisch wenig Rücksicht auf seine innenpolitische Gegner und provoziert eine Rebellion von Stämmen und Klerikern. Das Feature auf Deutschlandfunk verdeutlicht, wie Afghanistan bereits vor 80 Jahren im Koflikt zwischen Moderne und Tradition gefangen war. Auf der anderen Seite war der Staatsbesuch für Deutschland ein Blick in die Vergangenheit, wie Kurt Tucholsky in einem Poem anmerkte: »Einen richtigen König? Wir haben keinen und daher borgen wir uns einen.«