Presseschau

Wissen

Quo vadis, homo? Gaia oder Brandrodung?

Wie weit der Mensch bei der Ausbeutung der Erde gehen soll, wird seit Jahrhunderten diskutiert
von Tobias Pester am 11. März 2010
Foto von Erman Akdogan

Die Zerstörung der Umwelt durch Menschenhand wird nicht erst thematisiert, seitdem der Mensch Müll produziert, der tausend Jahre und länger braucht, um in den Kreislauf der Natur zurück zu finden oder die chemische Industrie Mittel produziert, die für jeden Menschen, jedes Tier und jede Pflanze tödlich wären. In der Zeit schlägt Ulrich Grober auf hinreißende Weise einen Bogen von der kontroversen Behandlung des Themas durch den im 15. Jahrhundert lebenden Humanisten Paulus Niavis zum neuesten pop-kulturellen Werk, das sich damit auseinander setzt — »Avatar«. Dabei beschreibt er mit Liebe zu Niavis' lateinischem Originaltext, wie schon zu Zeiten des Raubbaus im sächsischen Erzgebirge die Frage aufkam, ob der Mensch das Recht hat, die Ressourcen der Natur bis zur Erschöpfung auszubeuten. Auch die - wie sich herausstellt - ganz und gar nicht neue Verwendung von Begriffen wie Nachhaltigkeit und Naturschutz macht er nachvollziehbar. So ist schon in dem Text von 1492 von lat. sustentare die Rede, was heute als engl. sustainability (Nachhaltigkeit) die Selbstdarstellung jedes Konzerns schmückt.

Wissenschaft und Öffentlichkeit

Ein Interview zur Genomforschung
von Joséphine Glenz am 10. März 2010

Die Genomforschung schreitet fort, ihre Folgen sind umstritten. Spektrum der Wissenschaft interviewt den Wissenschaftler Reinhard Predel zu den zukünftigen Entwicklungen und der Proteomik, die Aufschluß über die Auswirkungen der Genome im Organismus liefert. Interessant sind insbesondere seine Aussagen zu der Rolle des frühzeitigen Publizierens in der Wissenschaft sowie der Bedeutung von internationalen Forschungsprojekten. Desweiteren wird der Widerspruch zwischen Publikationen in der Forschergemeinde und der Wahrnehmung durch eine breite Öffentlichkeit deutlich.

Dekonstruktion eines Mythos

War das Wirtschaftswunder ein Wunder?
von Axel Weipert am 7. März 2010

Stefan Sasse konfrontiert den bundesrepublikanischen Gründungsmythos mit den historischen Fakten und stellt fest: Manches war ganz anders als gerne erzählt wird — und wundersam schon gar nicht. Dagegen wird das Ganze auch heute noch eifrig und erfolgreich für bestimmte politische Ziele instrumentalisiert, sei es in Bezug auf die Exportorientierung oder den zurückhaltenden Staat.

Zeit der Weichenstellungen

Der verbissene Streit um die Zukunft der Energieversorgung
von Martin Atzler am 6. März 2010
Kohlekraftwerk EnsdorfFoto von Wolfgang Staudt

In Deutschland tobt eine rege Debatte um die Zukunft der Energieversorgung — um Kohle, Atomenergie sowie nachhaltige Energieträger. Dabei spielen offenbar die Koalitionsoptionen in Nordrhein-Westfalen eine Rolle: Die Energiepolitik wird zum Weichensteller deutscher Innenpolitik. Frontal21 thematisierte die Doppelzüngigkeit der Energiepolitik der CDU in dem Bundesland. Offiziell werden nachhaltige Energieträger bevorzugt, in der Realität wurde in Rüttgers Regierungszeit aber der CO²-Ausstoß erhöht und einzelne Gesetze für Kohlekraftwerksprojekte geändert. Deutschlandfunk Hintergrund dagegen schaut auf geplante Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke und die Reaktionen der Atomkraftgegner. Weiterlesen …

Ex oriente lux?

Fragwürdige historische Legitimation des Kolonialismus
von Axel Weipert am 27. Februar 2010

Die Eroberung des Aztekenreiches durch die spanischen Conquistadores unter Hernán Cortez ist ein Musterbeispiel für die Legitimation des Kolonialismus mit »überlegener« Kultur. Ein barbarischer Despotismus, der auch vor massenhaften Menschenopfern nicht zurückschreckt, wird von Europa zivilisiert und christianisiert.

Nur: War es wirklich so? Die Quellenlage ist nicht nur dünn, sondern auch sehr einseitig. Denn die Azteken haben kaum Schriftliches hinterlassen, und so bleibt bis heute viel Raum für Spekulationen. Der Kampf der Historiker um den »Clash of Civilizations« dauert an - immer auch vor dem Hintergrund aktueller Debatten um westlichen Interventionismus.

Ein Stück vom großen Kuchen

125 Jahre Berliner Kongokonferenz
von Axel Weipert am 21. Februar 2010

Vor 125 Jahren einigten sich die europäischen Kolonialmächte am grünen Tisch über die Aufteilung des afrikanischen Kontinents. Dabei ging es in Berlin um Einflußsphären, Freihandel und juristische Fragen. Die Interessen der Einheimischen spielten dabei allerdings keine Rolle. Das spürten dann v.a. die Bewohner des Kongos, die quasi zum Privatbesitz des belgischen Königs Leopold II. erklärt wurden.

Der faule Apfel

Kritik an hirnlosen Hypes im digitalen Dorf
von Caspar Bildner am 19. Februar 2010
Unbegrenzte AnwendungsmöglichkeitenFoto von waɪ.ti

Der Manager für Risikokapital Mark Suster kritisiert den Hype um die so genannten »Apps« — unzähligen kleinen Programmen für mobile Geräte. Die Medienplattform Meedia fasst seine heftige Kritik zusammen. Darin kommt das Ausnutzen der Marktmacht durch den Apple-Konzern zur Sprache, der innerhalb seines Systems die Nutzungsbedingungen diktiert. In erster Linie handelt es sich jedoch um ein indirektes Plädoyer für offene und einheitliche Standards in der Entwicklung, da ansonsten die Entwicklungskosten unermesslich steigen. Insbesondere wird deutlich, daß nach WAP etc. mal wieder eine virtuelle Sau durch das digitale Dorf getrieben wird.

Kampf um die Vergangenheit

Wie Neonazis an einen alten Opferkult anknüpfen
von Caspar Bildner am 16. Februar 2010
Wiederaufgebaute Dresdner FrauenkircheFoto von chop1n

Das Deutschlandfunk Dossier stellte vor dem Naziaufmarsch in Dresden anlässlich des Jahrestags der Bombadierung der Stadt die historischen Hintergründe dar. Bereits die Nazipropagandisten versuchten aus dem Luftangriff Kapital zu schlagen und begründeten den Opferkult. Allerdings schloss sich die Geschichtsschreibung der DDR mit dem heraufziehenden Kalten Krieg dieser Lesart als alliiertes Kriegsverbrechen an und auch Stimmen im Westen übertrieben das Ausmaß der Angriffe. An diese Tradition können Neonazis erfolgreich anknüpfen. Die Süddeutsche Zeitung und die Tagesschau berichteten im Vorfeld über juristische Auseinandersetzungen um den Aufmarsch und die Gegenproteste, später der MDR und die BBC über deren Verlauf. Einige interessante Details finden sich auch auf der autonomen Plattform Indymedia sowie in einem Dossier der Tagesschau über Rechtsextremismus.

Kein Interesse an der Vergangenheit

Eine Serie über die nachrichtendienstliche Infiltration des Terrorismus im Kalten Krieg
von Bogoslov Revanski am 15. Februar 2010

Der Einfluss der westlichen und östlichen Nachrichtendienste auf linken und rechten Terrorismus im Kalten Krieg sei in Deutschland wenig erforscht, meint Regine Igel in einer 6teiligen Serie auf Telepolis. Der historische Kontext werde in der Bewertung der RAF ausgeblendet, ebenso wie ihre enge Verbindung zu den italienischen Roten Brigaden. Dabei spiele die fehlende Unabhägigkeit der deutschen Justiz im Gegensatz zur italienischen eine Rolle, aber auch die deutschen Medien schauten nicht genau hin. Weiterlesen …

Naturschutz statt Öl?

Gefeilsche um den Yasuní-Nationalpark
von Axel Weipert am 14. Februar 2010
Yasuní-NationalparkFoto von joshbousel

Es ist in der Tat eine interessante Idee: Ecuador würde auf die Ölförderung in einem seiner wichtigsten Naturschutzgebiete verzichten, wenn ihm dafür von den reichen Ländern des Westens ein Teil der zu erwartenden Einnahmen ausgezahlt würde. Doch noch ist unklar, wer dann über diese Gelder verfügen darf. Und in der betroffenen Region hat die Bevölkerung die Befürchtung, mal wieder mit Brosamen abgespeist zu werden.